Freitag, 22. August 2014

Das ist New York City und ich bin Wanne-Eickel

(Frei nach Kettcar)

Du kriegst die Leute aus dem Dorf, das Dorf nicht aus den Leuten.
Ich musste bis nach New York reisen, um zu verstehen, was Thees Uhlmann mit diesen Zeilen meint. Ein klassisches Dorfkind bin ich, aufgewachsen im dicht besiedelten Rheinland in der Nähe von Köln, nicht. Soll heißen, ich habe in meiner Jugend weder Kühe umgeschubst noch Laternen ausgetreten. Mit diesem beeindruckend urbanen Hintergrund könnte mir selbst Deutschlands größte Stadt nicht das Gefühl geben, eine Provinznudel zu sein.

Seit gut zwei Monaten bin ich nun in New York City und fühle mich zum ersten Mal wie ein Landei. In den ersten zwei Wochen wollte ich einfach nur zurück nach Hause, weil mich die Größe der Stadt erschlagen hat. Ich habe mich unwohl gefühlt, verloren und orientierungslos. Als hätte ich ein Ziel, das ich selbst nicht kenne. Was tun in einer Stadt, in der man niemanden kennt? In diesem Monster, das für die nächsten zweieinhalb Monate so etwas wie ein Zuhause sein soll? Eine Mischung aus Heimweh und Entfremdung machte sich breit und wollte so schnell nicht Platz machen für schöne Momente.

In einer Woche kehre ich der Stadt den Rücken. Sie ist mir ans Herz gewachsen mit all ihrem Lärm und ihrer schrecklichen U-Bahn ("service rating 42 % - poor"). Was ist in den letzten Wochen passiert, das mich diese Stadt zu lieben gelehrt hat?

Einiges habe ich akzeptiert. Im Supermarkt tütet jemand meine Einkäufe für mich ein. Im Restaurant gebe ich mehr Trinkgeld als in Deutschland, auch wenn der Service weniger gut war. Jeder ist mit jedem on first-name terms. An Unterschiede dieser Art gewöhne ich mich schnell. Das allein reicht jedoch nicht aus, um meine anfängliche Ablehnung umzukrempeln. Einen Ort kann ich nur mögen, wenn ich dort positive Erfahrungen mache und dort Leute kenne, deren Gesellschaft ich schätze.

Hierbei hat mir meetup sehr geholfen. In Deutschland eine recht wenig genutzte Plattform, aber ein großes Ding hier in den Staaten, insbesondere in New York. Für alle möglichen Interessen werden dort Treffen organisiert, manche regelmäßig, manche einmalig. Drei Mal war ich schon bei der polyglot bar, bei der man sich trifft, um seine Fremdsprachen zu pflegen. Ich habe Outdoor-Yoga im Union Square Park gemacht, war auf einer rooftop farm in Queens und habe mich mit anderen Schreiberlingen zu einem Schreibmarathon getroffen, wo auch dieser Text entstanden ist. Sechs Stunden lang haben wir konzentriert geschrieben und den großartigen Kaffee der Brooklyn Roasting Company geschlürft - dafür hat sich der einstüdige Subway-Höllenritt wirklich gelohnt!

#coffe #writing #blessed würde ich schreiben, wenn das hier instagram wäre. Meine drei neuesten instagram-Fotos gibt es übrigens hier rechts zu sehen.

Auf das dépaysement!

Mittwoch, 14. Mai 2014

Like a Phoenix

Oder: Von Conchita, Europa und der Genderbinarität

Erinnert sich noch jemand an Wild Girls, diesen unsäglichen neokolonialistischen Mist, der letztes Jahr in der Flimmerkiste lief? Eine Mischung aus Neugier und Langeweile hat mich dazu verleitet, auch mal reinzuschauen. Tussi, Tussi, Tussi mit Bart - äh, Moment. Eine der jungen langbeinigen Schönheiten überrascht mit erstaunlich viel Gesichtsbehaarung. Schnell nachschauen,wer das denn ist. Conchita Wurst, Kunstfigur des Österreichers Tom Neuwirth. Ich habe Frollein Wurst dann irgendwo im Hinterkopf abgelegt und bin zur Tagesordnung übergegangen.

Am Samstag hat Conchita nun für Österreich den Eurovision Song Contest gewonnen. Und alle so yeah. Der ESC wird mehr denn je zum Politikum erhoben, die Abstimmungsergebnisse spiegeln angeblich das wider, was in den Köpfen Europas vorgeht. So zumindest wurde das schlechte Abschneiden Deutschlands letztes Jahr erklärt - die paar Punkte, die Cascada bekommen hat, galten unserer Kanzlerin. Dieses Jahr sind die Medien ganz aus dem Häuschen, weil erstmals eine Person außerhalb der Genderbinarität gewonnen hat, also jemand, der sich nicht eindeutig einem der beiden sozialen Geschlechter männlich oder weiblich zuordnet.
 
Das ist großartig. Ich freue mich für Conchita. Conchita hat gut gesungen und verdient gewonnen. Ihr Sieg ist ein Sieg für alle, die Gender als Kontinuum sehen und nicht als Dichotomie. Ein Sieg für alle, die sich selbst nicht in den Kategorien weiblich und männlich wiederfinden. Von mir aus auch ein Stinkefinger für Putin und seine Anti-Homosexuellen-Politik. Was Conchitas Sieg nicht ist: Ein Zeichen von Toleranz und Respekt im ach-so-vereinten Europa. Ein völlig intransparentes Abstimmungsergebnis bei einem europaweiten Gesangswettbewerb sagt wenig bis nichts über die tatsächliche Stimmungslage aus. Wie viele Leute haben für Österreich gestimmt, nicht für Conchita? Wie viele haben für sie gestimmt, weil sie gut gesungen hat? Wie viele, weil sie meinen, damit die LGBTQIA-Community zu unterstützen? Und wie viele haben es einfach for the lulz getan, wie seinerzeit bei Lordi (Nicht zu verwechseln mit Lorde!)?

Conchitas Sieg ist ein Schritt in die richtige Richtung. Tom hat Conchita auf diese Bühne geschickt und damit Mut bewiesen. Conchita "sang for everyone who has ever been made to feel ashamed or afraid for being different", schreibt der Guardian in einem sehr gelungenen Artikel.

Aber: Auf der einen Seite steht die Drag-Queen im Glitzerkleid, auf der anderen Seite stehen Menschen auf der ganzen Welt, die wegen ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Gender-Identität körperlicher und seelischer Gewalt ausgesetzt sind. Ein Bekannter von mir schrieb, er sei "glücklicherweise erst zweimal" körperlichen Angriffen aufgrund seiner Sexualität ausgesetzt gewesen. Wie kann es denn sein, dass man Gewalterfahrungen mit Wörtern wie "glücklicherweise" in Verbindung bringen muss? Irgendwas läuft doch gehörig falsch, wenn man(n?) sich freuen muss, nicht noch mehr körperliche Angriffe erlebt zu haben.

Conchita steht im Fernsehen auf der Bühne, vom Zuschauer getrennt durch tausende Kilometer und die schützende Scheibe des Bildschirms. Dieser Sicherheitsabstand macht es einfach, sie zu bejubeln und sich gleichzeitig für die eigene Toleranz auf die Schulter zu klopfen. Doch leider reagieren viele der Leute, die jetzt das tolerante Europa feiern, ganz anders auf LGBTQIA-Menschen in ihrer eigenen Umgebung. Plötzlich sind Berührungsängste da. Manche empfinden Ekel, viele sind einfach unsicher, wissen nicht, wie sie mit dem Gegenüber umgehen sollen - ganz nach dem Motto "Ich will ja nichts falsch machen!".

Ich wünsche mir, dass Conchitas ESC-Sieg mehr bewirkt als einen kurzen Hype. Ich wünsche mir, dass mehr Menschen bereit sind, gender-fluide Identitäten auch in ihrem direkten Umfeld anzunehmen. Und ich wünsche mir, dass all diejenigen, die im Internet Kommentare wie "Tötet es!" von sich gegeben haben, morgen früh mit nackten Füßen auf ein Lego treten.

Auf die Genderfluidität!

P.S.: Fast alles, was ich geschrieben habe, lässt sich auch auf andere Gruppen übertragen, die bestimmte Sozialprivilegien nicht genießen. Auch hier haben wir noch einen weiten Weg vor uns.

P.P.S.: Was hat sich der Schöpfer von Frollein Wurst eigentlich bei der Namenswahl gedacht?!

Dienstag, 18. Februar 2014

Ein besserer Witz

Um den weniger guten Witz aus dem vorherigen Post wettzumachen, gibt es hier jetzt einen, der zwar ziemlich geeky, dafür aber auch ziemlich lustig ist.

Heisenberg, Gödel and Chomsky walk into a bar. Heisenberg looks around the bar and says, "Because there are three of us and because this is a bar, it must be a joke. But how can we figure out if it's funny or not?" And Gödel thinks for a moment and says, "Well, because we're inside the joke, we can't tell whether it is funny. We’d have to be outside looking at it." And Chomsky looks at both of them and says, "Of course it's funny. You're just telling it wrong."

Gebt ihr noch 'ne Chance!

Oder: Lena Gorelik - Die Listensammlerin

In der Mathevorlesung.
Prof zum Studenten: "Wie viel ist 2+2?"
Student: "Äh... 5?"
Die Menge im Hintergrund: "Gib ihm noch 'ne Chance! Gib ihm noch 'ne Chance!"
Student: "Äh... 3?"
Die Menge im Hintergrund: "Gib ihm noch 'ne Chance! Gib ihm noch 'ne Chance!"
Student: "Jetzt hab ich's! 4!"
Die Menge im Hintergrund: "Gib ihm noch 'ne Chance! Gib ihm noch 'ne Chance!"
Zugegeben, das ist kein besonders guter Witz. Später gibt es noch einen besseren, versprochen. Der Mathestudent in diesem Witz hat eine zweite (und auch eine dritte) Chance wirklich verdient. Lena Gorelik auch.

Vor drei Wochen habe ich mir ein Buch bestellt, was für jemanden, der viel und gerne liest, nicht weiter verwunderlich ist. Etwas bizarr war nur meine Motivation, genau dieses Buch zu kaufen: Die Autorin und ich haben den gleichen Vornamen. Von der Autorin, Lena Gorelik, hatte ich an dem Tag zum ersten Mal gehört, obwohl sie schon mehrere Romane veröffentlich hat und ich eigentlich versuche, up to date zu sein, was die deutsche Literatur angeht. Ihr neuester Roman, Die Listensammlerin, hat auf amazon zwar nur zwei Kundenrezensionen, die dafür aber beide das Buch recht ausführlich loben. Auch andere Rezensionen im Internet waren zum größten Teil positiv. Kann also nur gut werden, oder?

Wahrscheinlich waren die Erwartungen an meine Namensvetterin zu hoch. Da ich selber auch schreibe, aber weit davon entfernt bin, einen Roman zu veröffentlichen, war ich besonders neugierig, was eine andere Lena da wohl zu Papier gebracht hat. Obwohl ich die Autorin gar nicht kannte und noch nichts von ihr gelesen hatte, hatte ich allein aufgrund der Namensgleichheit zu ihr eine ganz andere Beziehung als zu anderen mir unbekannten Autoren. Ich habe mir so sehr gewünscht, dass sie ihre Sache gut macht.


Auch zwei Wochen nach der Lektüre des Romans kann ich nicht sagen, ob sie ihre Sache wirklich gut gemacht hat. Ich habe viel über den Roman nachgedacht, über den Inhalt, die Figuren, die Sprache. Habe versucht, alles in einen Zusammenhang zu bringen, habe sogar einen sehr assoziativen Text über den Roman geschrieben, um ihn zu verarbeiten. Und trotzdem fühle ich mich nicht in der Lage, über die Qualität zu urteilen.

Hier ist nicht der Ort für eine ausführliche Zusammenfassung der Handlung. Der Roman erzählt auf zwei Ebenen eine Familiengeschichte. Sofia, mit beiden Beinen im Hier und Jetzt, schreibt seit ihrer Kindheit Listen über alle erdenklichen Themen. Als sie in der Wohnung ihrer Oma auf handgeschriebene Listen in kyrillischer Schrift stößt, erfährt sie von ihrem Onkel Grischa. Um ihn, einen Dissidenten in der Sowjetunion, dreht sich die zweite Geschichte.

Die Idee, die Familiengeschichte aus zwei Perspektiven zu erzählen, ist sicherlich nicht neu, bietet sich hier aber an, um mit Gegensätzen in Zeit und Raum zu spielen. Sowjetunion gegen Deutschland, Kalter Krieg gegen neues Millenium. Lena* nutzt den Spielraum, ohne allzu sehr in Sowjetklischees zu verfallen.Doch trotz detailreicher, bildhafter Beschreibungen fehlt für mich insbesondere im "russischen" Teil des Romans etwas. Die dargestellten Personen und Orte bleiben seltsam leer, es gibt keine Möglichkeit, mit der Welt warm zu werden, in sie einzutauchen. Obwohl die Passagen über Grischa die inhaltlich interessanteren sind, waren sie weniger angenehm zu lesen. Als es zum Ende hin spannend wurde, hat mein Lesetempo immer weiter abgenommen, weil Bilder im Kopf fehlten, die ich erzwingen wollte.

Der in  Deutschland spielende Teil, naturgemäß näher an meiner Lebenswelt und daher einfacher vorzustellen, konnte mich auch nicht völlig überzeugen. Zwei Dinge bilden den Rahmen, Sofias Listen und die anstehende Herz-OP ihrer kleinen Tochter. Das OP-Motiv hat mich besonders beschäftigt, aber richtig deuten - wenn es hier in diesem Sinne etwas zu deuten gibt, das ist ja immer die Frage bei Literatur - kann ich es nicht. Ich sehe die Figuren diesmal vor mir, kann sie in einen sinnvollen Raum einordnen, habe ein klareres Bild, und doch ist wenig, was zurückkommt. Ich mag es, wenn ein Text die Fragen aufgreift, die ich beim Lesen stelle. Wenn ein Dialog entsteht. Lena und Lena reden aneinander vorbei.

Das Gefühl, da müsse noch etwas kommen, das könne doch nicht alles gewesen sein, hält bis zum Ende des Romans an. Ich habe vergeblich gehofft, in dem Roman einen versteckten Schatz zu finden, der das Buch für mich zu etwas Besonderem werden lässt. Eine Figur, ein Motiv, auch nur ein einzelner Satz, den Lena an mich schickt. Das nur, weil wir uns einen Vornamen teilen. Von Lena Meyer-Landrut habe ich keine Botschaft erwartet, und auch in Lena Dunhams Serie Girls habe ich nicht nach einem Zeichen gesucht.

Lena Gorelik aber macht das, was ich auch gerne machen würde, Texte schreiben, Bücher veröffentlichen. Deswegen waren die Erwartungen an den Roman zu hoch, wahrscheinlich unerreichbar. Ich wollte ein Meisterwerk, eine atemberaubende Geschichte. Was ich bekam, war ein Roman, der mir sicherlich gefallen hätte, hätte eine Julia ihn geschrieben oder eine Kathi. Aber - Lena hat eine zweite Chance verdient, vielleicht auch eine dritte. Sie versteht es, zu schreiben, mit Worten umzugehen. Die Listensammlerin ist keinesfalls ein schlechtes Buch, sondern eins, das ich unter einem schlechten Vorzeichen gelesen habe. Ich geb ihr noch 'ne Chance.

Auf die zweiten, dritten, vierten Chancen!

* Ich mag es nicht, wenn Leute weibliche Denker als Vorname Nachname oder gar nur Vorname bezeichnen. Aber weil Lena eben Lena heißt, nenne ich sie hier so.

Samstag, 15. Februar 2014

Food in a box

Oder: "If I was Schrödinger and you were my cat, I'd never open that box"

Auf Facebook teilen regelmäßig Mädels Fotos vom Inhalt der ihrer Glossybox. Die Glossybox ist eine Kosmetikbox mit fünf Produkten, die einmal monatlich per Post an die Abonnentinnen geliefert wird. Das Konzept finde ich prima, allerdings kann ich mit vielen Kosmetikprodukten nichts anfangen, da ich sie entweder nicht vertrage oder gar nicht weiß, wie man sie überhaupt benutzt.

Als ich dann vor ein paar Wochen die Delikatessenbox von Foodist entdeckt habe, war ich ganz aus dem Häuschen. Eine Abobox ganz nach meinem Geschmack: Zur Monatsmitte gibt es ein Paket mit sechs bis acht hochwertigen Lebensmitteln aus europäischen Manufakturen. Die Box ist mit 24 € pro Monat nicht gerade billig, aber ich bin gerne bereit, für Qualitätsprodukte auch ein bisschen mehr Geld auszugeben. 

Gestern bekam ich eine E-Mail von DHL, in der für heute morgen eine Paketlieferung angekündigt wurde. Zuerst war ich ein wenig verwundert, weil ich mich nicht erinnern konnte, etwas bestellt zu haben. Doch dann dämmerte mir, dass sich der 15. und damit meine erste Foodist-Box nähert. Am Wochenende bin ich Langschläfer, aber für die Lieferung bin ich extra um acht aufgestanden. Als mir der DHL-Bote dann um zehn die Box aushändigte, hatte ich so ein Weihnachtsgefühl im Bauch und konnte mich nicht mehr beherrschen. Ich habe die Box sofort geöffnet, und voilà -


Als erstes ist mir der Wein ins Auge gesprungen, ein Riesling aus Rheinhessen - genau mein Geschmack! Wäre es Rotwein gewesen, wäre ich wahrscheinlich ein wenig enttäuscht gewesen, aber Weißwein und besonders Riesling geht bei mir (fast) immer. Auch der Rest der Box sieht sehr lecker und vielversprechend aus. Vorn im Bild sind ein Orange-Fudge-Riegel aus Schottland und ein Auberginen-Dip aus Mazedonien. In der zweiten Reihe warten Pralinen aus dem Ruhrpott und Nuss-Frucht-Dressing nach sizilianischem Rezept auf mich. Auf dem Bild nicht zu sehen ist eine Packung Pitta Chips, die ich heute schon aufgemacht und mit meiner Mitbewohnerin geteilt habe. 

Die meisten Produkte würde ich wahrscheinlich im Supermarkt nicht kaufen, weil sie mir entweder zu teuer oder zu fancy wären. Aber gerade deshalb finde ich es toll, dass es solche Boxen gibt, denn sie bringen einem bei, outside the box zu denken. Vielleicht entdecke ich auf diese Weise ja ein neues Lieblings-Luxus-Produkt, das ich mir von Zeit zu Zeit mal gönnen werde. Der Online-Shop von Foodist bietet zum Glück die Möglichkeit, die Produkte aus vorherigen Boxen nachzukaufen.

Auf die Schlemmerei!

Donnerstag, 23. Januar 2014

Was haben Vandana Shiva und ein Teddybär gemeinsam?

Dieser Post ist eine Übersetzung und Überarbeitung eines Texts, den ich im Juli 2013 geschrieben habe.

Ich gehe davon aus, dass alle hier wissen, was ein Teddybär ist. Ich hoffe, dass einige eine Ahnung haben, wer Vandana Shiva ist. Für die, die es nicht wissen: Sie ist eine indische Umweltaktivistin und Globalisierungskritikerin. Vandana Shiva hat die Abschlussrede auf dem Deutsche Welle Global Media Forum gehalten, an dem ich im Juni teilgenommen habe. Klickt hier für eine schriftliche Fassung der Rede. Eine Passage ganz zu Beginn der Rede hat meine Aufmerksamkeit besonders auf sich gezogen:

And in ‘72 we had a horrible flood and the women came out and said these trees protect us.  They prevent the landslides, they prevent the flooding, they give us food, they give us fodder, they are our mothers and you can’t cut them and they created one of the most amazing movements that became my university of ecology.

Warum? Nicht nur, weil das eine großartige Geschichte über Mut ist, sondern auch, weil ich die Geschichte schon einmal gehört hatte - auf der Arbeit. Nach der Schule habe ich ein freiwilliges Jahr in einem Umweltbildungszentrum absolviert, wo ich noch heute von Zeit zu Zeit auf Stundenbasis arbeite. Dort bringen wir Kindern die Themen Nachhaltigkeit, Klimawandel und Umweltschutz näher. In einem der angebotenen Programme ziehen die Kinder zusammen mit ihren Teddybären in ein Abenteuer, um die Geheimbotschaft SchuWaLuNa (Schutz, Wasser, Luft und Nahrung) zu mithilfe einiger Spieler und Aktivitäten zu entschlüsseln. Eine dieser Aktivitäten ist eine Mitmachgeschichte über ein indisches Mädchen, das sich mit ihrer Dorfgemeinschaft dagegen wehrt, dass Holzfäller den Wald um das Dorf herum abholzen. Sie und die anderen Dorfbewohner umarmen alle einen Baum und lassen ihn nicht mehr los - weil sie wissen, dass ihr Leben auch von diesen Bäumen abhängt.

Es ist schön, die gleiche Geschichte in zwei so unterschiedlichen Kontexten zu hören. Das zeigt, wie sehr diese beiden Kontexte miteinander verzahnt sind: Während sich das DWGMF mit globalen, eher politischen Themen geschäftigt, nehmen Umweltbildungszentren diese Themen auseinander, bereiten sie auf und geben sie an die nächste Generation weiter.

Die Ökobewegung der 1980er Jahre kannte den Slogan "Wir haben die Erde nur von unseren Kindern geliehen". Die Kinder von damals sind jetzt erwachsen und haben verstanden, dass sie - dass wir - die Erde auch nur von ihren Kindern geliehen haben. Für unsere Generation ist das eine große Verantwortung, da wir die Aufgabe haben, eine nachhaltigere Welt zu schaffen. Ich weiß, dass Nachhaltigkeit in der letzten Zeit zu einem nervigen Buzzword geworden ist, aber ich benutze es hier in seiner ursprünglichen Bedeutung: Wir müssen die Grenzen unseres Planeten respektieren, um sicherzustellen, dass "die Wirkungen deiner Handlungen verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden".

Umweltbildung spielt hier eine zentrale Rolle: Es reicht nicht, dass unsere Generation um die Endlichkeit der Ressourcen weiß. Wir müssen unsere Kinder für den Nachhaltigkeitsgedanken sensibilisieren. Nein, ich bin keine Ökoemanze und ich finde auch nicht, dass man Leuten einen nachhaltigen Lebensstil aufzwingen sollte. Ich denke, dass Verantwortung für unseren Planeten genauso wichtig sein sollte wie Verantwortung für unseren Körper - wir erinnern unsere Kinder daran, sich die Zähne zu putzen, aber nicht daran, alle Elektrogeräte auszuschalten.

Dienstag, 21. Januar 2014

Dornröschen auf den Barrikaden


Seit einiger Zeit gehöre ich zu einer Gruppe, die sich einmal wöchentlich zum kreativen Schreiben trifft. Diesen Text habe ich heute im Rahmen eines Schreibauftrags verfasst, bei dem ich die Dornröschen-Geschichte in den Pariser Mai '68 verfrachten musste. Dafür, dass er in nur 30 Minuten entstanden ist, finde ich ihn ziemlich gut.

Il était une fois ein Paris, wie es nicht im Reiseführer steht. Ein Paris, in dem die Studenten alles satt hatten. Ein Paris, in dem die Jugend an den Lippen Jean-Paul Sartres hing, der ihnen Geschichten erzählte vom Sein und vom Nichts.

Rose verstand nicht alles, was er sagte, doch auch sie hatte der schielende Philosoph in seinen Bann gezogen. Rose war klug und hübsch, hatte das Lycée als Jahrgangsbeste abgeschlossen und studierte im ersten Semester französische Literatur. Sie war eins von den Mädchen, die alles in die Wiege gelegt bekamen. Wann immer sie an einer Kundgebung teilnahm, vergaßen einige ihrer Mitstudenten, wofür sie alle kämpfen, und wendeten ihre Blicke Rose zu. Rose, die so hübsch war in ihren fast zu kurzen Röcken, aber doch so unnahbar.

Am Tag, an dem sie die Uni besetzten, war sie an vorderster Front. Was als kleine Bewegung gestartet war, hatte die ganze Stadt erfasst. Das altehrwürdige Hauptgebäude der Universität war noch nie so voll gewesen, Menschenmassen drängten sich in den Hörsälen und auf den Fluren.

Rose war nicht die erste, die an diesem Tag umkippte. Die Luft war schwanger mit Ideen, für Sauerstoff blieb kaum Platz. Sie wollte gerade das Gebäude verlassen, als ihr Kreislauf nachgab und sie auf dem Boden zusammensank. Die Jungs, die ihr sonst hinterherstarrten, trugen sie nach draußen. „Rose? Rose, alles klar?“, fragte einer von ihnen. Rose antwortete nicht. Sie lag einfach da, auf dem Asphalt vor der Universität. War sie bewusstlos? Eingeschlafen? Sie atmete ruhig, friedlich. Die unnahbare Rose sah zerbrechlich aus wie eine Porzellanpuppe.

Jacques beugte sich über sie, gab ihr einen zarten Kuss auf die Wange. Rose öffnete die Augen und sah sich um.
–  
Jacques hielt sich die Wange, die von der Ohrfeige schmerzte. Er hörte Rose flüstern: „Jetzt weiß ich, was Simone gemeint hat, als sie sagte ‚Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht‘.“